„Sag mir, wo die Falter sind. Wo sind sie geblieben?“ So wie Marlene Dietrich einst die Blumen besang, muss man heute um den Mosel-Apollofalter bangen. Sein Lebensraum: ein Steilhang in den Weinbergen zwischen Winningen und Bremm. Sein Kennzeichen: besonders von Größe, Zeichnung und Flugbild. Sein Name: vom griechischen Gott des Frühlings und des Lichts – wie passend.

Die Rede ist vom Mosel-Apollofalter, der vom Aussterben bedroht ist. Ein imposanter, weißer Falter mit roten Punkten auf den Flügeln. Die Mosel bietet ihm aufgrund der typischen Terrassenlandschaften der Weinberge ideale Lebensbedingungen. Eigentlich. Doch man sieht ihn kaum noch und keiner weiß so genau, warum nicht. 


Hilfe für den Falter

Die seltene Unterart des Apollofalters lebt nur im Bereich des Moseltals in den Landkreisen Cochem-Zell und Mayen-Koblenz. Nirgendwo anders auf der Welt kommt der Mosel-Apollofalter vor. Ereilt ihn dasselbe Schicksal wie seinen Verwandten aus dem Schwarzwald oder den Vogesen?

Um dies zu verhindern, werden momentan alle Hebel in Bewegung gesetzt. So hat das Land Rheinland-Pfalz für die Landkreise Mayen-Koblenz und Cochem-Zell zusammen fast 160 000 Euro in die Hand genommen, um den seltenen Falter zu retten. Die Finanzierung läuft über die „Aktion Grün“. Mit dem Geld sollen verschiedene Maßnahmen zum Erhalt des Mosel-Apollofalters umgesetzt werden. Dazu gehört auch ein intensives Monitoring mit „finden, zählen und dokumentieren“.

Seit 1930 steht der Apollofalterunter strengem Naturschutz und er ist einer der größten einheimischen Tagfalter. „Er ist ein Sympathieträger“, weiß Tanja Stromberg, Referatsleiterin der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Mayen-Koblenz. Die Kreisverwaltung arbeitet Hand in Hand mit den Verbands- und Ortsgemeinden und steht im Kontakt mit den Winzern. „Der Apollo ist eine Herzensangelegenheit.“

Rettungsteam Apollofalter
Biologiestudent Daniel Müller, Referatsleiterin Tanja Stromberg und Diplom-Biologe Jörg Hilgers kämpfen für die Rettung des Apollofalters. Foto: Sascha Ditscher


 

Wer oder was bedroht den Falter?

„Wir tasten uns heran“, erklärt Diplom-Biologe Jörg Hilgers, der das Monitoring leitet. Über die Gründe für den starken Rückgang wird viel diskutiert. Vermutlich gibt es nicht nur einen, sondern gleich mehrere. Einer dieser Gründe könnte laut Hilgers der Klimawandel sein. Die Trockenheit und die Wetterkapriolen der vergangenen drei Jahre habe zu Veränderungen innerhalb der Lebensräume des Schmetterlings geführt. Es gab weniger Blüten für die Falter: „Die Tiere werden bei Nahrungsmangel nicht so alt und können sich nicht so gut reproduzieren", erklärt Hilgers. Auch sind die Felshänge, an denen der Mosel-Apollofalter vorkommt, in den vergangenen Jahren stark zugewachsen. „Dies führt dann zur Verdrängung der Raupennahrungspflanze.“ Doch an welchen Stellschrauben können wir drehen, damit es mit dem Apollo weitergeht?

In den vergangenen 40 Jahren sind die Falterzahlen an manchen Fundorten um über 90 Prozent zurückgegangen. Doch wie sieht es mit dem Schmetterling in diesem Jahr aus? Seit langem gibt es in diesem Sommer wieder Blütenreichtum im Felsen. Kann sich der Falter dadurch wieder etwas erholen? Oder kommen die günstigen Bedingungen zu spät für die Art? Es gibt allerdings einen Plan B, wenn das für zwei Jahre finanzierte Projekt keine nennenswerten Ergebnisse aufweist. Bereits jetzt wird der Mosel-Apollofalter außerhalb des Projektes gezüchtet und vielleicht in ein Seitental mit besseren Bedingungen gebracht.

 

Rettungspaket mit mehreren Modulen

Modul I: Das Monitoring macht eine Bestandsaufnahme nach Methodenstandards mit der Frage „Wo ist es sinnvoll, etwas zu tun?“

Modul II: Weinberge wachsen zu und das ist nicht gut für den Apollo. „Freistellen“ heißt ein probates Mittel, um den Lebensraum für die Falter zu verbessern. Im Klartext: Verbuschte Flächen in den Steillagen werden gerodet. An drei sogenannten „Apollo-Tankstellen“ mit seinen Lieblings-Nektarblumen - Flockenblumen, Thymian, Oregano – kann er auftanken.

Modul III: Wie viele Falter sind noch da? Was ist reproduzierbar (durch Nachzucht)? Wenn er an den Steilhängen keine optimalen Lebensbedingungen mehr vorfindet, könnte man ihn vielleicht in die Seitentäler „umsiedeln.“ Eine Idee. Eine von vielen.

Modul IV: Öffentlichkeitsarbeit und die Aufgabe, möglichst viele Menschen mit ins Boot nehmen, wie durch die Aktion in den sozialen Medien: „Findet den Apollo“.

 

Genau hingeschaut

Frau sucht mit Fernglas nach Apollofalter

Am Wirtschaftsweg in Kobern-Gondorf treffen wir Daniel Müller und Biggi Kaczmarek bei ihrer Arbeit. Der angehende Biologe Daniel (24) aus Lehmen, der in Bonn seinen Bachelor absolviert hat und sich bereits seit seiner Kindheit mit Schmetterlingen beschäftigt, verfasst aktuell seine Masterarbeit an der Uni Mainz über den Mosel-Apollofalter. An seiner Seite, Biggi Kaczmarek, die sich ehrenamtlich und unermüdlich für die Rettung des Falters einsetzt. „Von meinem Vater habe ich gelernt, dass der Apollofalter etwas ganz Besonderes ist.“ Die Naturfriseurin lehnt an ihrem Fahrrad. Der Student blickt durch sein Fernglas, nimmt es wieder herunter, langsam suchen beide die Felswand vor sich mit den Augen ab. Nur nichts übersehen. Nicht den kleinsten Flügelschlag. Eine intensive und stundenfüllende Geduldsaufgabe.

Heute haben sie und wir Glück. Eines der seltenen Exemplare tänzelt hoch oben förmlich über den Felsen.
 

Geduld ist gefragt

„Wir haben dieses Frühjahr mit vier Leuten 50 Stunden investiert und nur eine einzige Raupe entdeckt“, berichtet Jörg Hilgers von diesem schwierigen Unterfangen. „Der Mosel-Apollo ist ein sehr großer Falter mit markanter Zeichnung und einem ganz besonderen Flugbild. Wenn man den einmal gesehen hat, kann man ihn eigentlich nicht mehr verwechseln.“

Ob die Maßnahmen helfen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Aber erst einmal wird fleißig weitergezählt. Wer einen Mosel-Apollofalter zu Gesicht bekommen will, für den hat Hilgers einen Tipp: „Am besten am späten Vormittag bei gutem Wetter auf die Lauer legen - der Apollofalter ist nämlich ein Sonnenanbeter.“ Nicht umsonst trägt er den Namen des griechischen Gottes.