Die Auswirkungen unserer Wegwerfgesellschaft bekommt die Welt immer mehr und mehr zu spüren. Wachsende Müllberge, negative Effekte auf die Tier- und Pflanzenwelt und die Veränderung des Klimas sind nur einige von ihnen.

Das Repair-Café Kalt möchte diesem Trend entgegenwirken und trifft sich regelmäßig am vorletzten Donnerstag im Monat, um defekte Haushaltskleingeräte, Stereoanlagen, Spielzeug und ähnliches wieder ans Laufen zu bekommen.

Nun fand das erste Treffen seit April wegen der Schließung aufgrund von Covid-19 statt. Anmeldungen wurden telefonisch und per E-Mail entgegengenommen und auf Uhrzeiten verteilt. So hatte jedes defekte Gerät oder Spielzeug eine Chance auf Reparatur. „Unter Einhaltung der Hygienevorschriften versuchen wir gemeinsam defekte Geräte vor dem Müll zu retten“, freuen sich die Organisatoren.


Reparieren geht vor

„Zum Wegwerfen zu schade“. So die einhellige Meinung von Mitinitiator Andreas Kirchgässner. Zusammen mit Daniel Schreurs begibt er sich auf Fehlersuche bei den mitgebrachten Geräten. Das kann auch schon einmal in einer ziemlich kniffligen Tüftelarbeit enden. Aber ohne instandgesetztes Gerät oder zumindest praktische Ratschläge zur Lösung des Problems verlässt niemand das Repair-Café. Dieses befindet sich im Dorftreff mitten in Kalt, einer kleinen Ortsgemeinde im Landkreis Mayen-Koblenz.

Seit Januar 2015 gehört das Repair-Café zum Dorfleben von Kalt. Alles ehrenamtlich, versteht sich. Der Inhalt der Spendenbox am Eingang dient den Aufwendungen für Kaffee oder für neues Werkzeug. Der Großteil wird jedoch weitergespendet; der örtliche Kindergarten oder die Flüchtlingshilfe Maifeld haben sich darüber schon gefreut.

Ihr Motto: Nicht wegwerfen - reparieren!


Die Anfänge

Andreas Kirchgässner berichtet wie alles begann. Den Impuls erhielt er durch eine Begegnung in einem Koblenzer Repair-Café. Ganz spontan besuchte er dieses Café und war nach kurzer Zeit „infiziert“, nachdem er einen kaputten Stabmixer wiederherstellen konnte. Er kehrte noch mehrere Male dorthin zurück, um auszuhelfen. Hier kam er auch mit einem Ehepaar ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie aus dem Nachbarort von Kalt, Mörz, den Weg nach Koblenz fanden, um ihre Küchenmaschine reparieren zu lassen. „Wenn Menschen eine weitere Anreise in Kauf nehmen, sollten wir ein solches Café auch in Kalt gründen“, überlegte Kirchgässner und trug dem damaligen Ortsbürgermeister Willi Probstfeld seine Idee vor. Er stieß auf offene Ohren und tatkräftige Unterstützung. Durch einen Aufruf fand Daniel Schreurs den Weg ins Repair-Café.


Menschen hinter dem Repair-Café

Die beiden Hauptpersonen sind der Diplomingenieur (FH) Elektrotechnik Andreas Kirchgässner (Jahrgang 1963), der seit 1998 in Kalt wohnt und eben Daniel Schreurs (Jahrgang 1978). Ihn hat es 2013 nach Kalt „verschlagen“. Anfangs wirkte auch noch seine Frau Juliane mit. „Früher war noch mehr Jugend dabei: Sandro, Adriano, Robin“, blickt Kirchgässner zurück. Jetzt sind es überwiegend die „Kollegen“ der Repair-Cafés aus Lahnstein, Koblenz und Bonn.

Im November vor zwei Jahren erhielt Andreas Kirchgässner für sein ehrenamtliches Engagement eine besondere Auszeichnung. Ministerpräsidentin Malu Dreyer verlieh ihm die Ehrenamtskarte Rheinland-Pfalz.

Im Repair-Café wird gearbeitet.
Andreas Kirchgässner und Daniel Schreurs (von links) reparieren ein Radiogerät. 


Vom Toaster bis zur Rechenmaschine

Eine gemütliche Atmosphäre ist spürbar im Dorftreff. Im Hintergrund arbeitet die Kaffeemaschine. Den gibt es gratis, um die Wartezeit zu überbrücken oder hellwach zu bleiben. Normalerweise warten auch noch Kekse, Brezeln oder Kuchen auf die Besucher und Reparateure, in Zeiten von Corona jedoch muss darauf verzichtet werden. Für alle Menschen gilt: „Man muss die Dinge ins „Café“ tragen können.“ Alles andere wird nicht repariert.

Frank Zander (53 Jahre) – nein, nicht der Schlagerstar, sondern der aus Ruitsch, einem Ortsteil von Polch - bringt ein auf alt getrimmtes Radiogerät und seine Geschichte mit. „Das Radio steht in meiner Garage und spielt Musik, während ich mein Auto repariere. Oder eben manchmal nicht. Das ist das Problem“, erzählt Frank Zander, der nicht zum ersten Mal im Repair-Café ist. Andreas Kirchgässner öffnet das Gerät und wirft einen fachmännischen Blick hinein.  Außer einem sich abseilenden Spinnchen macht es einen sehr sauberen Eindruck. „Wenn das Gerät noch läuft, lasse ich die Finger davon, bevor ich das Ganze ‚verschlimmbessere‘“, sagt Kirchgässner, hat aber noch gute Tipps für Zander parat. 

Als nächstes ist der 68-jährige Winfried Hahn aus Polch an der Reihe. Seine Rechenmaschine hat den Pfefferminzschnaps nicht vertragen, der traditionell zum Schmücken des Weihnachtsbaumes gereicht wird. Mit einem Federstrich hatte sich das süße Getränk über die Tastatur ergossen, die Maschine lief danach noch ein dreiviertel Jahr bevor sie sich dann verabschiedete. „Wenn ich Glück habe, kann ihr und mir geholfen werden. Wenn nicht, wird aus zwei Rechenmaschinen heute eine“, sinniert Hahn, der zum dritten Mal das Café besucht. Daniel Schreurs kümmert sich um beide.

Repair-Café in Kalten


Michael Nenntwich hat seinen CD-Spieler der Marke Yamaha unter dem Arm. „Er tut nicht, was er soll. Das gute Stück hat Aussetzer“, antwortet er auf Schreurs Frage, wo das Problem liege. „Ich habe schon einige alte Schätze hergebracht, die repariert werden konnten“, freut sich Nenntwich. „Das ist großes Kino hier. Wie ein Operationstisch, nur in grau. Mit hoher Professionalität und mit viel Humor wird hier lösungsorientiert vorgegangen. Ich habe eine große Wertschätzung den Reparateuren gegenüber“, lobt der Wierschemer die Mitwirkenden des Repair-Cafés.

Thomas Topuksöker (Jahrgang 1988) trägt den zweiten Flachbildschirm des Abends hinein. Und er ist nicht der letzte, der technischen Rat sucht. Andreas Kirchgässner und Daniel Schreurs nehmen sich für alle ausreichend Zeit, in aller Ruhe und mit viel Geduld erhält jeder Mensch und jedes Gerät, die Hilfe, die sie brauchen.


Mithelfen

Gerade in den Zeiten von Corona hat jeder/jede mehr Zeit, einen Blick in den Keller oder auf den Dachboden zu werfen. Wer weiß - vielleicht finden sich dort auch Schätze, die es zu reparieren lohnt. Die Mitarbeiter vom Repair-Café freuen sich darauf. Helfer und technisch Interessierte dürfen die zwei gerne unterstützen.
Thomas mit dem (zweiten) Flach-TV verspricht: „Das finde ich klasse, ich komme wieder zum Reparieren!“

 

Mehr dazu unter

www.gemeinde-kalt.de/category/dorfleben/repaircafe