Tief verwurzelt, regional unterwegs

Die Wanderschäferei ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst, und es gibt in Deutschland noch immer Menschen, die diesem Beruf nachgehen. Einer von ihnen ist Steffen Carmin. Der Schäfermeister wurde in Rheinland-Pfalz geboren und hat schon 15 Jahre Erfahrung in diesem Beruf gesammelt. Von seiner Heimat aus bis ins Engadin war er schon unterwegs. Der Beruf des Schäfers bringt viel Veränderung und Bewegung mit sich. Für ihn selbst, aber auch für seine 250 Fuchsschafe. Bis April dauert die Wintersaison des Schäfers. Dann erst geht es wieder auf Tour in Richtung Mosel.

Für das dreijährige Pilotprojekt der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz und der Kreisverwaltung Cochem-Zell wählten die Verantwortlichen rund 120 Hektar Land zwischen Eifel und Hunsrück aus. Begleitet wird Steffen Carmin bei seiner Arbeit von seinen zwei Altdeutschen Hütehunden: Kaya und Django, die er selbst ausgebildet hat.

Den regionalen Landschaften, die ihn umgeben, fühlt sich Steffen Carmin verbunden. Täglich bei seinen Tieren und in der Natur zu sein, ist für ihn ein wesentlicher Antrieb, seinen Beruf auszuüben. „Ich mag es, unterwegs zu sein, übers Land zu ziehen und ein Stück weit autark mit der Herde zu arbeiten“, sagt Steffen Carmin.

 

Flexibler Arbeitsplatz mit Aussicht

Wie andere Berufstätige auch, pendelt der Familienvater zwischen seinem mobilen Arbeitsplatz bei der Schafherde und seinem Zuhause in der Ortsgemeinde Möntenich (VG Kaisersesch). „Mein Arbeitsplatz sieht jeden Tag etwas anders aus. Die Natur, die mich umgibt, verändert sich. Die Weite, tiefe Täler und Hänge, Steinbrüche, ein Ausblick auf die Mosel. Das alles im farblichen Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten, gefällt mir gut.“

Wer meint, ein Schäfer führe ein „Aussteigerleben“ ohne Handy und E-Mail, wird von Steffen Carmin aufgeklärt. Die digitale Kommunikation – im Rahmen des Projektes und für seinen Blog „ovis-mosella.de“ – ist wichtig und ganz selbstverständlich. Allerdings gehen die Bedürfnisse seiner Tiere immer vor. Den ganzen Tag verbringt Steffen Carmin mit ihnen und seinen Hütehunden Kaya und Django. Nach der Arbeit fährt der Schäfer nach Hause zu seiner Familie. Die Schafe bleiben dann über Nacht allein. Ihre Weidefläche sichert ein mobiler Elektrozaun inklusive GPS. Das ist notwendig, damit die Tiere zusammenbleiben und nicht ausbüxen, bis der Schäfer am nächsten Morgen wiederkommt.

 

Fressen, fressen, fressen

„Abweiden, fressen, verdauen – genau das ist der tägliche Job der Herde“, sagt Steffen Carmin und lacht. Dabei sind Schafe eigentlich genügsam – man kann sie auch auf Flächen halten, auf denen keine Ackerfrüchte oder Gemüse angebaut werden. Die robusten Tiere verwerten auch rohfaserhaltige Nahrung mit relativ geringen Energiekonzentrationen gut. Aus genau diesem Grund eignen sie sich optimal für die Pflege unzugänglicher und landwirtschaftlich nicht genutzter Flächen und für die Landschaftspflege. „Würde die Verbuschung der Biotope ungehindert fortschreiten, verschwänden viele seltene Pflanzenarten“, erklärt Steffen Carmin. Durch die Arbeitsweise der Wanderschäfer und ihrer Herden können kleinflächige Biotope miteinander verbunden werden, denn die Wolle und der Verdauungstrakt tragen Kleinstlebewesen und Samen mit sich – quasi im Dienste der Biodiversität. Und die Tiere müssen zu diesem Zweck noch nicht einmal verladen werden.

  

Von der Winterweide auf große Tour

Steffen Carmin kennt seine Herde wie kein anderer. „Es sind aber keine Haustiere, die man mit Vornamen anspricht. Eine Herde funktioniert fast wie ein einziger Organismus. Die Tiere reagieren oft wie ein Schwarm und bilden auch in der Bewegung eine Einheit.“ Bis April befinden sich die Schafe auf der Winterweide: Stoppeläcker mit Ernteresten oder ein Rapsauswuchs sind für Schafe ein gefundenes Fressen. Nur die Phacelia-Pflanze – auch Bienenweide genannt – wird verschmäht. „Sie schmeckt den Tieren nicht“, weiß Steffen Carmin, der sich kurz umdreht und eine Spaziergängerin grüßt.

„Die Beweidung hilft auch den Bauern, da der Acker danach einfacher bearbeitet werden kann und obendrein frisch gedüngt ist. Für die Schafe sind die Stoppeläcker gerade in der Übergangszeit bis zum Frühling das reinste Tischlein-deck-dich“, ergänzt er. „Da vergisst so manches Mutterschaf seine Pflichten, so gut schmeckt es den Tieren.“ Einige Junglämmer, die mit der Herde ziehen, rufen lautstark nach ihnen. „Das Muttertier lässt sich beim Fressen nicht aus der Ruhe bringen – die beiden finden sich gleich wieder“, verrät Steffen Carmin.

Auf dem 14 Hektar großen Acker bei Thür unweit von Mendig gibt es reichlich Futter für die Herde. Nach der Wintersaison geht es wieder „auf Tour“ in Richtung Laubach. Von dort weiter Richtung Kaisersesch und Treis-Karden. „Das Lauftempo bestimmen das Futterangebot und das Wetter“, erklärt Steffen Carmin. Im Ort Karden werden die Schafe die Mosel in Richtung Treis überqueren. Keine Frage: An der Brücke hat die Herde Vorfahrt. Nicht nur, weil sie in der Mehrheit ist, sondern weil es in der Bevölkerung durchaus Verständnis für die Arbeit des Wanderschäfers gibt. Dann ziehen die Schafe und Steffen Carmin eifelseitig weiter Richtung Bremm und Senheim.

 

Im Rhythmus der Natur

Steffen Carmins Arbeitswoche richtet sich nach den Bedürfnissen seiner Tiere und ist eng mit der Natur verbunden: Der Mensch, die Schafe, das Wetter, die Jahreszeiten und das Futterangebot bestimmen seinen Rhythmus. Ab Mittsommer werden Schafe brünstig. Im Frühling und Herbst ist Lammzeit. Meist bringen die Schafe ihre Lämmer allein zur Welt, manchmal ist Carmin Geburtshelfer. Für den Nachwuchs und seine Mütter hat er einen speziellen Stall in Mertloch im Landkreis Mayen-Koblenz eingerichtet. Die „Wöchnerinnenstation“ –  wie er sie nennt –  ist nur zehn Minuten von seinem Zuhause entfernt. Ist die Mutter-Kind-Beziehung stabil und sind die Lämmer stark genug, geht es vom Stall zur Herde. Für die Muttertiere steht in dieser Zeit Heu auf dem Speiseplan, angereichert mit Pellets. Denn für eine ausreichende Milchproduktion brauchen sie nährstoffreiches Futter.

 

Die Herde in Bewegung

Steffen Carmin ist sich der archaischen Wurzeln seines Berufes bewusst: „Das Bild des Schäfers und seiner Herde fasziniert viele Menschen, vor allem auch Kinder. Die freuen sich, wenn sie mir und der Herde begegnen.“ Vielleicht, weil der Anblick einer weidenden Schafherde in unserer schnelllebigen Zeit Ruhe ausstrahlt. Mehr zu Steffen Carmin und seinen Schafen findest Du auf seinem Blog unter https://www.ovis-mosella.de/


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