Wer die Energiewende vor Ort voranbringen will, braucht mehr als neue Windräder und Solaranlagen. Gefragt ist ein Energiesystem, das zunehmend auf eigenen Füßen steht.

Die Energiewende erreicht eine neue Phase. Im ersten Halbjahr 2026 deckten erneuerbare Energien bereits rund 57 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs. Mit ihrem wachsenden Anteil rückt die Frage stärker in den Mittelpunkt, wie Erzeugung und Verbrauch zusammenfinden. Strom muss nicht nur klimafreundlich produziert werden, sondern zuverlässig dort ankommen, wo er benötigt wird. Dafür müssen Netze leistungsfähiger werden und zusätzliche Möglichkeiten entstehen, Energie flexibel bereitzustellen.
Für regionale Versorger verändert sich damit die grundlegende Aufgabe: Sie können stärker selbst erzeugen, ihre Infrastruktur ausbauen und Kunden dabei unterstützen, den eigenen Energiebedarf besser zu steuern. Genau diesen Weg verfolgt die Energieversorgung Mittelrhein AG (evm) im nördlichen Rheinland-Pfalz. Wie die nächsten Schritte und die Herausforderungen der regionalen Energiewende aussehen, weiß evm-Vorstand Christoph Hesse.
Wir werden die Ausbauziele verfehlen – nicht, weil wir nicht bauen wollen, sondern weil wir oft nicht dürfen.
Herr Hesse, was ist derzeit die größte Herausforderung, wenn Energie sicher und bezahlbar bleiben soll und zugleich mehr erneuerbarer Strom ins System kommt?
Ehrlich gesagt ist unser größtes Problem nicht die Technik, sondern das Tempo der Genehmigungsverfahren. Wir investieren allein in unsere Stromnetze rund 1,6 Milliarden Euro, wir haben Geld und Pläne. Aber ein Windpark, der technisch in zwei Jahren stehen könnte, braucht in Deutschland oft sieben. Wir werden die Ausbauziele verfehlen, nicht, weil wir nicht bauen wollen, sondern weil wir oft nicht dürfen.
Wie verändert mehr eigener Wind- und Solarstrom die Rolle der evm als regionaler Energieversorger?
Fundamental. Ein Versorger, der nur noch Strom einkauft und verteilt, hat in fünf Jahren kein Geschäftsmodell mehr. Wir wandeln uns vom Händler zum Produzenten. Bis 2035 wollen wir den Strom, den wir verkaufen, bilanziell komplett selbst erzeugen. Das heißt aber auch: Wir tragen künftig Risiken, die früher andere getragen haben. Wetter, Marktpreise, Standortkonflikte: Das ist jetzt unser Risiko, nicht mehr das eines anonymen Großhändlers.
Inwieweit können Großspeicher und das virtuelle Kraftwerk die Energieversorgung künftig flexibler machen?
Speicher werden oft als Wundermittel verkauft. Das sind sie nicht. Ohne ausgebaute Netze bringt der beste Speicher nichts, weil der Strom gar nicht dorthin kommt, wo er gebraucht wird. Ein virtuelles Kraftwerk, die digitale Vernetzung vieler kleiner Anlagen zu einer großen, hilft uns, kurzfristige Schwankungen abzufedern. Aber es ersetzt keine Leitung, die fehlt.
Welchen Nutzen haben evm-Kunden davon, wenn eigener Verbrauch und selbst erzeugte Energie intelligent aufeinander abgestimmt werden?
Volle Autarkie ist technisch möglich, aber wirtschaftlich unsinnig: Die letzte Kilowattstunde Unabhängigkeit vom Netz kostet ein Vielfaches der ersten, weil dafür Speicher und Anlage auf seltene Extremtage ausgelegt werden müssten.
Sinnvoll ist nicht der Ausstieg aus dem Netz, sondern die intelligente Kombination aus eigener Erzeugung, Speicher und Netzbezug. Das senkt echte Kosten, ohne dass man auf Sicherheit verzichtet. Genau dabei unterstützen wir unsere Kunden, mit eigenem Handwerksbetrieb für PV, Wärmepumpe und Smart-Home-Steuerung.
Sinnvoll ist nicht der Ausstieg aus dem Netz, sondern die intelligente Kombination aus eigener Erzeugung, Speicher und Netzbezug – das senkt echte Kosten, ohne dass man auf Sicherheit verzichtet.
Kann die Beteiligung von Bürgern an neuen Energieprojekten ein wichtiger Baustein für die Finanzierung der Energiewende werden?
Mehr als das. Ohne finanzielle Teilhabe der Menschen vor Ort wird Windkraft in Deutschland politisch bald keine Mehrheit mehr finden. Bei einem unserer Solarprojekte haben Bürgerinnen und Bürger 400.000 Euro investiert. Das zeigt, wie groß das Interesse ist, wenn man es ernst meint. Wer Akzeptanz nur mit Information statt mit echter Beteiligung erreichen will, wird scheitern.
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